Kürzlich war ich bei einem Sanitätsdienst, bei dem ein einflussreicher Sozial- bzw. Seniorenverband zu “klassischer” Musik geladen hatte. Es wurden hauptsächlich Märsche gespielt, schließlich war die “Kriegsgeneration +” anwesend. Insgesamt war es schön, ich hatte mich gut unterhalten gefühlt, bis auf zweimal:
Als ich mir etwas zu trinken geholt hatte, und in die Halle zurückkehre, schlug es mich fast um: dieser konzentrierte Geruch älterer Menschen, von bestimmt 200-300 zu sicherlich 95% älteren Menschen. Es war nicht unbedingt ein eckliger Geruch, nicht, dass es mich gegraust hätte. Nur sehr intensiv und eindrücklich. In meinem Zivildienst bin ich öfter in Altenheime gekommen, dort roch es zwar ähnlich, aber so intensiv ist mir das nie aufgefallen, ich schob das auch immer auf das Haus und die mangelnde Pflege. Die Erklärungen, die ich nach kurzer Zeit im Internet gefunden habe, befriedigen da nicht wirklich. Warum also riechen ältere Menschen mit der Zeit anders? Gleiches ist bei meiner verbliebenden Oma festzustellen, obwohl sich bis auf das Alter nichts in den Umständen geändert hat.
Und zur Krönung des Nachmittags wurden natürlich die bekannteren Märsche ausgepackt. Der Dirigent erzählte, dass der Takt perfekt auf ein gallopierendes Pferd passen würde und entsprechend eine lange Tradition in Kavallerieregimentern haben würde. Und nachdem er jeden, aber auch jeden kleinen Witz stilsicher kaputt gemacht hatte (er erntete aber trotzdem Lacher) indem er die falsche Pointe erzählt hatte und den Marsch andirigiert hatte, ging es los: manche meinten doch tatsächlich, die Bewegung eines Reiters auf einem galoppierenden Pferd nachzuahmen. Das sieht an sich schon lustig aus, wenn der umsitzende Rest sich still verhält und man selbst ein Beispiel dafür ist, dass die mageren Jahre vorbei sind. Wenn man dann aber die umstehenden noch auf sich aufmerksam machen muss, dass man die Ausführungen des Dirigenten verstanden hat und umzusetzen weiß, musste ich doch sehr heftig grinsen schließlich saß ich direkt hinter einem gelben, wackelnden Reiterimitat.
Beim “Rausschmeißer” ich glaub ein ungarischer Tanz, konnte der Saal nicht mehr an sich halten: Wie man es gewohnt war aus dem Musikantenstadel: es wurde Mitgeklatscht. Erst zögerlich, dann begeistert. Von meiner anfänglicher Befremdung (es war ja schließlich ein Konzert?) kam ich dann mit mir überein, dass ich mich ab 50 Teilnehmern der Orgie beim körpereigenen Fremdschämen melden würde. Ich wurde auch herzlich aufgenommen.
Ich möchte mich nicht lustig machen über diese Menschen, die offensichtlich das Bedürfnis verspürten mitzuklatschen und auch Freude daran hatten, solang keiner zu Schaden kommt, ist ja alles prima. Nur: diese Menschen sind während oder kurz nach dem Krieg aufgewachsen, waren so jung wie ich, hörten Schlager und so Zeugs und da klatscht man halt auch mal mit. Soweit so gut.
Mir grausts nur davor, wenn die Jugend von heute in das Alter kommt, in dem nicht mehr alles so gut geht. Lassen die sich dann im Rollstuhl mit dicken Ketten und viel Bling machohaft von Zivis herumkutschieren und fühlen sich als Zuhälter im Altenheim, stets ausrufend: “Ich fick’ deine Mudda”? Machen die einen auf Gangster und klauen dem Sitznachbarn den letzten Streuselkuchen unter der Androhung seine Herzpillen zu klauen? Oder sitzen sie, die letzten Haarbüschel inselweise knallbunt gefärbt, das Zittern der Hand durch der Pillenkonsum der Jugend verstärkt, mit einem Kopfhörer im Park und hören Techno aus “der guten alten Zeit”? Ich werde dann im gleichen Alter sein. Man darf also gespannt sein. Ich hoffe nur, dass ich stark genug sein werde, dem lächerlichen Möchtegernganstern aus dem “Gettho” einen kräftigen Knuff zu verpassen und mir sein Stückchen Streuselkuchen einzuverleiben und dazu auch noch seine Sahne zu entführen.