Die uralte Frage, die mir als Kind wie wahrschleinlich so vielen gekommen ist: Sehen alle Menschen Farben gleich? Ist das Rot, das ich sehe, auch das Rot, welches ein Anderer wahrnimmt? Sind die Bäume für andere Menschen blau und die Wiese rot?
Und da sind wir denke ich bei den Grundsätzen des Problems: Das Sein, also die Objektivität und das Wahrnehmen, also die Subjektivität. Objektiv denke ich, könnte man gut sagen, dass alle Menschen die gleichen Farben gleich sehen. Das hängt erstens von der Wellenlänge des Lichtes ab, und die ist bei allen gleich. Zweitens von den menschlichen Rezeptoren (Aufnahme des Sinneseindrucks) und Projektoren (Umsetzung des Sinneseindrucks in das Bewusstsein), also Auge (bzw. Zäpfchen) und das Gehirn. Diese könnten zwar unterschiedlich sein von Mensch zu Mensch, aber warum sollten sie? Wir haben alle die selben/ähnlichen Gene, warum sollten wir unterschiedlich aufgebaut sein, das führt lediglich zu Mehrbelastung. Wobei diese Differenzierung in der Evolution durchaus vorkommt und auch berechtigt ist, schließlich ändern sich die Umstände in denen wir leben und wer sich besser an diese anpasst, überlebt besser. So gab unsere Biologielehrerin die Geschichte zum besten, nach der in den Fünfzigern noch viel mehr Menschen Schwimmhäute zwischen den Zehen hatten als heute. Also bereits in der Objektivität scheint mir nicht alles so objektiv zu sein, wie es zunächst scheint.
Mit der Wahrnehmung kommt, finde ich das Interessanteste ins Spiel. Wie wir heute wissen, filtert und verändert unser Gehirn Informationen und Erinnerungen. Es betrügt uns selbst um die Wahrheit, um unser Überleben erst möglich zu machen und uns vor Reizüberflutung zu schützen. Es hat also gewissermaßen ein Eigenleben, auf das wir bewusst keinen Einfluss haben, es nicht steuern können. Wir selbstbestimmten Menschen, die so viel Wert auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung legen, wie selbstbestimmt sind wir? Wir können schließlich nur die Informationen zur Entscheidungsfindung zurückgreifen, die wir geliefert bekommen und auf die Objektivität dessen, haben wir keinen Einfluss. Was hindert also das Gehirn daran, die Farbe, die bei einem Anderen Blau ist, bei mir als Gelb erscheinen zu lassen? Ich nehme es als Gelb wahr, sage aber Blau und der Andere meint, ich hätte den selben Sinneseindruck.
Ein anderer Gedanke: Wer hat dem Gehirn denn die Farbenwahrnehmung beigebracht? Analog zur Sprache: Wir hören zu, lernen, dass der Mann der uns aufzieht Papa genennt wird und die Frau Mama, wir sprechen das irgendwann nach. Wir erkennen Grammatik, üben, werden besser und abstrahieren immer weiter. Selbst abstrakteste Begriffe werden wir Herr, allein durch feine Abgrenzung von anderen Begriffen (so ist der Begriff der Abstraktion selbst ja nichts, was man nur irgendwie aus der Natur erklären könnte, weil es sowas dort nicht gibt, die Erschließung erfolgt ja vielmehr dadurch, dass wir lernen, was es nicht ist). Und beim Gehirn? Das macht wohl gleich nach der Geburt die Umsetzung vom Sinneseindruck der Augen in ein Bild, das das Bewusstsein wahrnimmt. Es hat diese Information irgendwoher mitbekommen (wobei ich nicht glaube, dass eine solch komplexe Information speicherbar ist) oder sich selbst zurechtgelegt. Und wieso sollte dies bei allen Menschen gleich sein? Und weil das Bewusstsein nicht kontrollierbar ist (wie das Gesprochene) und ebenso nicht nicht mitteilbar (wie durch Sprache), ist ein Abgleich nicht möglich.
Das Dumme ist nur, dass man all das nicht feststellen kann, da die bewertende Instanz, selbst wenn man objetive Messdaten hat, immer wieder ein Mensch ist und subjektiv wahrnimmt. Also nichts genaues weiß man nicht.
Ich selbst glaube, dass die Menschen gleiche Farben unterschiedlich sehen, genauso wie sie unterschiedliche Meinungen haben und unterschiedliche Wahrnehmung von Sachverhalten. Bestärkt in meiner Meinung werde ich unter anderem durch das Vorhandensein von Synästhesie und Farbenblindheit, von der ich selbst betroffen bin. Nur ist das relativ egal, weil wir das nie feststellen können…