Da kennt man einen Menschen seit seiner Geburt, genauer gesagt, er mich, weil er meine Patentante ist, und dann sowas: Sie würde keine Organe spenden, auch kein Knochenmark. Sie, die eigentlich mit die liberalste in der Familie ist, ihr hätte ich das aber zuallererst zugetraut. Meine Eltern waren, als ich ihnen Organspendeausweise mitbrachte, sofort dabei. Auch die Blutprobe für die Knochenmarkspendedatei haben sie sich anstandslos von mir bestellen lassen (koscht ja schließlich nix) und sich beim nächsten Arztbesuch abnehmen lassen. Nicht, dass sie konservativ wären, nur habe ich gedacht, das gäbe größere Schwierigkeiten. Begründen konnte meine Tante ihre Ablehnung nicht rational, es wäre einfach eine Gefühlssache. Und das kann ich gut verstehen, denn vor all den positiven Nebeneffkten (Menschen helfen, gutes Tun) muss man ja erstmal eine gefühlsmäßige Bereitschaft entwickelt haben, bevor man sich dem Argument öffnen kann, das ich am einleuchtendsten finde: Man braucht es (die Organe) (dann) ja nicht mehr, und ein Anderer hat für meine Leber “vielleicht” bessere Verwendung. Sie ermöglicht ihm erst ein (menschenwürdiges) Weiterleben. Wenn man emotional nicht bereit ist, kann man auch nicht versuchen, den Bauch mit dem Kopf zu überlisten, der schon eingesehen hat, dass Organspende eine gute Sache ist.
Ich habe ihr angekündigt, wenn es je soweit sein sollte, und ich gefragt würde: “Dürfen wir ihrer Tante Organe entnehmen”, würde ich sagen: “Ja klar, alles raus, was keine Miete zahlt”, natürlich im Scherz. Aber was würde ich im Ernstfall sagen? “Nein sie hätte das nicht gewollt”? So dachte ich bis gerade eben.
Nur dann kam mir der Gedanke: Würde ich den Willen meiner Tante, den sie mir gegenüber klar artikuliert hat auch so durchsetzen, wenn ich bei klarer Nichtbeachtung und klarer gegenteiligen Handlung einem/mehreren Menschen das Leben retten könnte? Also ihr die Organe entnehmen lassen würde, auch wenn ich sie dadurch verrate, nur weil ich mich zum Herr über Leben und Tod (der Organempfänger) aufspielen muss. Ich weiß nicht, was ich machen würde. Und ich hoffe, dass ich nie in die Situation kommen werde, sie hat jetzt von mir einen Organspendeausweis bekommen, auf dem sie ankreuzen kann, dass die keiner Organentnahme zustimmt.
Rein rechtlich ist der Mensch erst tot, wenn der Blutkreislauf endet. Auch wenn das Gehirn sich nicht mehr rührt. Und solange der Blutkreislauf funktioniert, kann man auch Organe entnehmen. Also gilt die Verfügung, die sie zu Lebzeiten getroffen hat, auch nach ihrem Hirntod noch. So würde ich aktiv gegen das Gesetz verstoßen, nur dass es jemand heraus bekäme glaube ich nicht. Ich könnte also nur aufgrund meiner Moral entscheiden. Und vor dieser Entscheidung ist mir unwohl.
Deshalb: Organspendeausweis in der Apotheke holen und ausfüllen. Und, wenn man dann noch mag, sich kostenlos und online von der DKMS ein Rörchen kommen lassen, und dieses beim Hausarzt füllen lassen. Dann muss man auch nicht beim nächsten Aufruf und Anfall von Betroffenheit in die Turnhalle rennen und das dort machen :”Der kleine Dennis hat Blutkrebs, aber es gibt keinen Spender”; was ich hiermit nicht schlechtmachen will, schließlich braucht der Mensch erst einen Tritt in den Hintern, bevor er sich bewegt. Nur kann man das schon heute machen, für Menschen, denen auch heute schon ein Spender fehlt und die keine Lobby haben, die mit herzzerreisenden Bildern Kampagnen fahren.